«Wir brauchen in jedem Kanton ein integratives Spital»

Patientinnen und Patienten im Spital werden oft schneller gesund, wenn die Therapie komplementärmedizinische Methoden miteinbezieht. In der Schweiz ist diese Integrative Medizin erst in wenigen Spitälern möglich. Deshalb fordert der Dachverband Komplementärmedizin Dakomed für jeden Kanton ein integratives Spital.

von Lukas Fuhrer, Redaktor Millefolia

  • Patienten profitieren von der integrativen Behandlung, das zeigen Patientenbefragungen und die Krankheitsverläufe
  • Der Dachverband Komplementärmedizin fordert mindestens ein integratives Spital in jedem Kanton
  • Die Kantone sind für die Spitalplanung zuständig – sie müssen die Komplementärmedizin gemäss Bundesverfassung im Rahmen ihrer Kompetenzen fördern

Die Patientin auf allen Ebenen unterstützen

«Guten Morgen Frau Meier, wie geht es Ihnen heute?» Es ist zehn Uhr morgens, Arztvisite in der Klinik Arlesheim. Eine Ärztin, ein Komplementärtherapeut und eine Pflegefachperson besuchen die Patientin, die wegen einer Lungenentzündung in Behandlung ist. Sie hat Fieber, klagt über Übelkeit, sie hatte keine gute Nacht. Das Team bespricht mit der Patientin die Therapie, jede Fachperson bringt Optionen aus ihrem Fachgebiet ein:
Die Ärztin verschreibt ein pflanzliches Präparat gegen die Übelkeit, die Pflegefachperson legt Frau Meier einen Wickel an, und der Komplementärtherapeut der Methode Atemtherapie wiederholt mit Frau Meier die Atemübungen, die ihr helfen, das vegetative Nervensystem zu beruhigen. Das gemeinsame Ziel der drei Fachpersonen ist, die Patientin bei der Genesung auf allen Ebenen zu unterstützen.

Vision: die gemeinsame Arztvisite

Der ganzheitliche Ansatz, bei dem schul- und komplementärmedizinische Methoden vereint eingesetzt werden, wird als Integrative Medizin bezeichnet. In der Schweiz interessieren sich immer mehr Spitäler für das Konzept, machen erste Versuche in einzelnen Abteilungen oder stellen den gesamten Spitalbetrieb um.
Der Fall von Frau Meier ist fiktiv, aber die interprofessionelle Zusammenarbeit wird in zehn integrativen Kliniken der Schweiz so gelebt. Die gemeinsame Arztvisite ist wegen Schichtplänen und Teilzeitpensen im Spitalalltag vorerst noch eine Vision – die Fachperso-nen stimmen die Interventionen in der Regel mithilfe digitaler Werkzeuge miteinander ab.

Die Patienten profitieren nachweislich

Isabelle Bietenholz und Lukas Schöb im Interview:

Lukas Schöb, der Dakomed fordert, dass in jedem Kanton mindestens ein Spital oder eine Klinik mit kantonalem Leistungsauftrag Integrative Medizin anbieten muss. Stehen Sie hinter dieser Forderung?

Lukas Schöb: Absolut, wir wollen, dass die Bevölkerung Zugang zur Integrativen Medizin hat, das ist Teil der Vision unseres Vereins integrative-kliniken.ch. Wir wollen kein Stand-alone sein, sondern wollen die Verbreitung einer umfassenden Medizin. Und dazu brauchen wir einen starken Dachverband, der die Gesundheitsministerin trifft, der ins Parlament geht, der die Kräfte bündelt.

Isabelle Bietenholz, Sie sind Komplementärtherapeutin und führen in Co-Leitung ein Zentrum für Integrative Medizin in Zürich. Was können die komplementären Therapien in der stationären Pflege leisten?

Isabelle Bietenholz: Die komplementären Therapien als Teil der Integrativen Medizin sind eine Unterstützung der Schulmedizin, die zu einem besseren Wohlbefinden des Patienten führen. Wir verzeichnen auch kürzere Genesungszeiten – wenn die Patientin besser schläft, die Verdauung besser funktioniert, dann kommt sie mehr in ihre eigene Kraft. Die Therapien gehen also Hand in Hand, und die Patienten sprechen sehr gut darauf an. Auch die Pflegenden erfahren die Integration therapeutischer Leistungen als sehr wertvoll, sie berichten, dass die Patienten ruhiger sind und weniger klingeln. Neben Schlaf und Verdauung nennen die Patienten am häufigsten Verbesserungen beim allgemeinen Wohlbefinden, bei Schmerzen, Verspannungen und Übelkeit.

((Box Integrative Kliniken und Spitäler in der Schweiz))

Lukas Schöb, was braucht es, damit die Forderung nach einem integrativen Spital pro Kanton umgesetzt werden kann?

Lukas Schöb: Es braucht die Initiative des einzelnen Spitals, das sagt: «Wir wollen Integrative Medizin anbieten.» Das setzt Öffentlichkeitsarbeit voraus, um das Konzept bekannt zu machen, politisch braucht es stabile Rahmenbedingungen, und letztlich sind Lösungen für die Finanzierung gefragt. Durch die Integrative Medizin entstehen ja keine Mehrkosten, im Gegenteil – aber wir müssen sie ins Finanzierungssystem hineinbringen. Die integrativen Kliniken setzen sich in all diesen Bereichen ein, aber allein können wir das nicht stemmen und wir sind froh, dass wir mit dem Dakomed zusammenarbeiten können. Die Spitäler sind auch als Know-how-Zentren extrem wichtig für die Zukunft der Komplementärmedizin, hier wird geforscht, werden neue Ansätze ausprobiert.

Das Bedürfnis der Patientinnen und Patienten nach Integrativer Medizin im Spital ist gross, sodass auch Häuser wie die Hirslanden-Klinik in Zürich dem Ruf folgen. Die renommierte Klinik mit 335 Betten bietet heute Integrative Medizin auf allen Abteilungen an. Daran sind Sie, Frau Bietenholz, nicht ganz unschuldig.

Isabelle Bietenholz: Wir haben mit unserem Zentrum für Integrative Medizin das Pionierprojekt der Hirslanden-Klinik begleitet: zuerst auf der Mutter-Kind-Abteilung, wo die Resultate bei den Wöchnerinnen und den Babys so gut waren, dass die Klinik das Konzept auf die allgemeine innere Medizin ausweiten wollte. Diese Abteilung haben wir inzwischen sogar zertifiziert, und heute bedienen wir mit unseren Komplementärtherapeutinnen und -therapeuten alle Abteilungen der Klinik.

((Box Der Dakomed setzt sich für die bestmögliche Therapie für alle ein))



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