«Wir wollen die Patientinnen und Patienten in der Pflege bestmöglich unterstützen»

Komplementärmedizin hält auch in der Pflege Einzug. An der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW leitet Sara Kohler einen CAS-Studiengang für Gesundheitsfachpersonen zu integrativen und komplementären Behandlungsansätzen. Im Interview verrät sie, wie diese die Pflege verändern und warum interprofessionelle Zusammenarbeit der Schlüssel zu einer guten Pflege ist.

  • Viele Menschen nutzen komplementäre Behandlungsansätze als Ergänzung zur Schulmedizin
  • Die Beratung über Einsatz und Nutzen der Behandlungen durch Fachpersonen gewinnt immer mehr an Bedeutung
  • Anthroposophische Medizin, Phytotherapie, Akupunktur, Akupressur und Homöopathie halten Einzug in die Ausbildung und Pflege

von Désirée Klarer

Den Zugang zu integrativer Medizin öffnen

Gibt es komplementärmedizinische Methoden, die im CAS-Studiengang «Integrative und komplementäre Behandlungsansätze», den Sie leiten, besonders zentral sind?

Es war nötig, einen Schwerpunkt zu setzen, um ausreichend in die Tiefe gehen zu können. Wir haben uns bewusst dazu entschieden, vor allem jene Methoden in den Fokus zu rücken, die in der obligatorischen Krankenpflegeversicherung vertreten sind. Konkret sind dies Anthroposophische Medizin und Pflege, Phytotherapie und Aromapflege, TCM mit Fokus auf Akupunktur und Akupressur sowie Homöopathie mit Fokus auf akute Versorgungssituationen. Wir sind aber auch offen dafür, künftig weitere Inhalte zu entwickeln.

Gehen Sie auch auf Methoden ein, die nicht von der Krankenkasse übernommen werden?

Ja. In den allgemeinen Teilen des Moduls zum wissenschaftlichen Arbeiten oder zur Beratungskompetenz beschäftigen wir uns auch mit potenziell riskanten Methoden oder Verhaltensweisen, die ausserhalb der oben genannten liegen. Dies, um die Teilnehmenden dafür zu sensibilisieren, wie sie ihre Patientinnen und Patienten bestmöglich unterstützen können. Die Stärkung der Beratungskompetenz sehen wir als wichtigen Baustein für die Praxis. Wir vermitteln aber auch klar, dass eine vertiefte Ausbildung notwendig ist, um einen Ansatz gesamthaft in der Praxis implementieren zu können.

Gibt es Beispiele, wie Absolventinnen und Absolventen des CAS ihr komplementärmedizinisches Wissen bereits erfolgreich im Pflegealltag einsetzen?

Was braucht es, damit komplementärmedizinische Massnahmen in der Umsetzung gelingen?

Mir ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass diese Implementationsbeispiele nur im interprofessionellen Team möglich sind und nur so auch nachhaltig verankert werden können.

Interprofessionelle Zusammenarbeit ist der Kern einer gelebten integrativen Medizin. Ohne wertschätzende Zusammenarbeit auf Augenhöhe ist die Nachhaltigkeit nicht gewährleistet. Implementationsstrategien sind daher auch ein Teil unseres vermittelten Inhaltes. Die konkreten komplementären Massnahmen sind dabei der erste Schritt hin zur integrativen Pflege.

Inwieweit überschneiden sich heute konventionelle Pflege und integrative Pflege?

Es gibt in der Schweiz aktuell keine allgemein bekannte Definition für integrative Pflege. Mein persönliches Verständnis bezieht sich auf die Grundlagen der Kolleginnen und Kollegen in den USA sowie auf die gelebte Praxiserfahrung in der Schweiz. Viele Elemente professioneller Pflege finden sich auch im Konzept der integrativen Pflege wieder. Zu nennen sind hier beispielsweise die Patientinnen- und Patientenzentrierung, der individuelle Pflegeprozess, die Kommunikationskompetenz sowie die Patientinnen- und Patientenedukation. Die Komplementärmedizin wiederum kann insofern einen Beitrag leisten, als dass sie einen Rahmen für die integrative Pflege bieten kann. Integrative Pflege kann jedoch aus meiner Sicht auch in konventionellen Einrichtungen gelebt und ausgestaltet werden.

Glauben Sie, dass die Integration der Komplementärmedizin in die Pflege dazu beitragen kann, den Beruf attraktiver zu machen und Pflegende länger im Beruf zu halten?

Aus meiner Sicht bietet die integrative Medizin die Chance, wichtige Bestandteile professioneller Pflege wie die individuelle Anamnese inklusive Pflegeplanung zu bewahren, die Selbstfürsorge der Fachpersonen zu thematisieren und die Handlungsoptionen und Eigenständigkeit zu erweitern. Das sind zentrale Elemente, um Personal im Beruf zu halten und ihn für künftige Pflegefachpersonen attraktiver zu gestalten. Um jedoch nachhaltig erfolgreich zu sein, müssen wir auch im Setting der integrativen Medizin an familienfreundlichen Modellen arbeiten und vor allem die gemeinsame Verantwortung und das Entwicklungspotential der Fachpersonen thematisieren.

Welche strukturellen Voraussetzungen braucht es, damit Komplementärmedizin in der Pflege in der Schweiz breiter etabliert werden kann?

Es braucht die eigenständige Verantwortlichkeit für den gesamten pflegerischen Bereich, inklusive der Möglichkeit, erbrachte Leistungen abrechnen zu können. Doch es gibt noch verschiedene Hürden, die genommen werden müssen, um dieses Ziel zu erreichen.



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